Gold für NSU – Ein Ro 80 an der vielleicht härtesten Oldtimer Alpenfahrt der Schweiz
Das Penrite Alpenbrevet findet jedes Jahr an einem Vollmondwochenende statt. Üblicherweise trifft man sich mittags an einem Ort in der Schweiz und fährt dann über zahlreiche Alpenpässe ans Ziel. Da werden schonmal ganz spezielle Orte, wie z.B. die Rüttliwiese oder dieses Jahr der normalerweise gesperrte Kunkelspass als Startpunkt gewählt. Ein gemeinsamer Brunch schliesst die Veranstaltung am nächsten Morgen ab. In dieser Zeit kann man viele Kilometer fahren und so kommen meist über 20 Alpenpässe zusammen. Das wird in der Schweiz allerdings ein wenig eng und so befährt man auch das benachbarte Ausland.
Die Veranstaltung ist Fahrzeugtechnisch «verry British». Leider steht in meinem Stall aber kein britisches Pferd mehr zur Verfügung und so muss ich auf ein deutsches Produkt ausweichen. Aber was nimmt man für eine solch anspruchsvolle Fahrt? Das Fahrzeug sollte zuverlässig, ordentlich motorisiert und natürlich auch mit vernünftigen Bremsen ausgestattet sein. Klar – da ist der Ro 80 perfekt!
Der diesjährige Treffpunkt ist eigentlich Autofrei. Der Veranstalter hat jedoch eigens für das Alpenbrevet eine Fahrbewilligung für alle Teilnehmer ergattert. Ab 13 Uhr gab es eine leichte Mahlzeit. Kurz nach 14 Uhr war Fahrerbesprechung und im Anschluss fand quasi ein Le-Mans-Start statt. Alle Teilnehmer eilten zu ihren Wagen und brausten davon.
Wo uns die Anfahrt noch über eine gut befestigte, einspurige Strasse führte, ging es auf der anderen Seite des Passes wesentlich abenteuerlicher zu. Der Kunkelspass (1357m.ü.M) ist auf der Südseite nicht befestigt und führt teils über enge, in den Felsen gehauene Tunnels. Hier waren wir schon das erste Mal über das sensationelle Fahrwerk unseres Ro's froh.Der grösste Teil der Fahrt fand in unserem Heimatkanton Graubünden statt – es ist ja auch der grösste der Schweiz. So fiel uns das Navigieren besonders leicht. Wir benötigten dafür weder Karte noch Navi. Als erstes standen der Julierpass (2284 m.ü.M), der Albulapass (2315 m.ü.M), der Flüelapass (2283 m.ü.M) und der Ofenpass (2149 m.ü.M) auf dem Programm. Die Grenze zu Italien war, wenn auch nicht auf dem kürzesten Weg, erreicht. Der Tank war nun halb leer und wir wollten noch in der Schweiz tanken, da das 98 Oktan Benzin in Italien nur schlecht verfügbar ist. Ein kurzer Blick unter die Motorhaube bestätigte mir, dass alles in bester Ordnung ist. Lediglich den Ölvorrat habe ich etwas aufgefüllt.Voller Freude über den König der Alpenpässe ging es bei Abenddämmerung durch das Südtirol. Da war er nun: Das Stilfser Joch oder italienisch Stelvio. Mit seinen 63 Kehren und einer Höhe von 2758 m.ü.M wahrlich eine Herausforderung. Die Servolenkung hat sich hier sehr bewährt. Etwas Schadenfreudig habe ich an die anderen Teilnehmer gedacht, die ohne dieses nette Extra sicher wesentlich mehr arbeiten mussten. Ich habe den Wagen nicht wirklich geschont und bin meist im ersten Gang Volllast gefahren. Es schien mir, als ob der Ro 80 diese Tortur genossen hätte. Munter säuselnd wankelte er die Serpentinen hoch, zwar mit etwas höherer Betriebstemperatur, aber alles im erlaubten Bereich!Nach Bormio ging es ins Valle die Forni, wo uns im Rifugio Stella Alpina ein spätes Nachtessen erwartete. Mittlerweile war es Nacht und wir befanden uns im hinteren Mittelfeld. Wir hatten uns aber auch vorgenommen die Reise gemütlich anzugehen.
Beim zweiten Teil des Penrite Alpenbrevets befuhren wir erst den Passo Gavia (2618 m.ü.M) und den Mortirolopass (1852 m.ü.M) bevor es bei Tirano dann wieder in die Schweiz ging. Nach dem Berninapass (2330 m.ü.M) legten wir den zweiten Tankstopp ein. Hier gab es sogar 100 Oktan. Unter der Haube wie vermutet alles in Ordnung. Vorbei an St. Moritz und über den Malojapass (1812 m.ü.M) waren wir schon wieder in Italien. Aber nur kurz, denn der Splügenpass (2114 m.ü.M) führt wieder in die Schweiz. Dieses Jahr war am Brevet sogar ein Supermond, der uns hell geleuchtet hat. Sein Licht reicht jedoch nicht zu jeder Zeit bis in jedes enge Tal. Ich habe zwar die Leuchtmittel des Ro durch etwas bessere Glühbirnen ersetzt, aber an sich ist das Beleuchtungskonzept des Wagens sehr lobenswert. Den grössten Teil der Reise haben wir ja bei Dunkelheit bestritten. Aber auch die beste Beleuchtung hilft nichts, wenn bei flotter Fahrt, nach einer Kurve plötzlich ein Rehbock auf der Strasse steht! Das Herz rutschte uns in die Hosen! Mit vier blockierten Rädern rutschten wir auf das Tier zu. Trotz Gequietsche und massiver Rauchentwicklung wich der Paarhufer keinen Zentimeter zur Seite. Der Wagen kam nur um Haaresbreite vor dem Tier zum Stehen – was für ein Glück! Der Bock schaute uns vorwurfsvoll an, drehte sich um und zog von Dannen.
Nun trennten uns nur noch der San Bernardino Pass (2066 m.ü.M), der Lukmanierpass (1920 m.ü.M), der Oberalppass (2046 m.ü.M) und der Furkapass (2436 m.ü.M) vom Ziel, welches auf dem Grimselpass (2165 m.ü.M) lag. Unterwegs trat ein seltenes Wetterphänomen auf. Es blitzte zwei Mal rot. Einmal vor und einmal hinter unserem Wagen. Wir waren anscheinend doch etwas zügig unterwegs. Es stimmt (leider?) schon, dass der Ro bei höherer Geschwindigkeit leiser wird. Naja, mal schauen was der Postbote die Tage vorbeibringt…
Lagen wir beim Abendessen noch im Mittelfeld, waren wir nun ganz vorne dabei. Wir trafen als vierter Wagen 1.5h vor dem vorgesehenen Zeit Slot am Ziel ein.
Das Grandhotel Grimsel Hospiz ist schon alleine eine Reise wert. Es thront auf einem Felsen am Rande des Stausees. Links und rechts umgeben von der Staumaurer, die die Wassermassen im Zaum halten. Pünktlich um 8 Uhr wurden die Türen zum Turmsaal geöffnet und wir durften einen reichhaltigen Brunch geniessen. Ich persönlich hatte ein grosses Bedürfnis nach einer guten Tasse Kaffee. Die drei Energy Drinks, die ich in der Nacht zu mir genommen hatte haben zwar ihren Dienst mich fit zu halten erfüllt, aber Koffein in einem Kaffee zu geniessen ist doch etwas anderes!
Zu guter Letzt ging es noch um die Trophäenvergabe. Es wurde genau kontrolliert, ob das Beweisfoto jedes Passes gemacht wurde. Die Strecke ist immer so ausgelegt, dass Abkürzungen gemacht werden können. Das gibt dann aber Abzug. Wer jeden Pass gemacht und die Zeitvorgabe eingehalten hat bekommt Gold, wer abkürzt Silber und wer dann all zu oft abgekürzt hat immerhin Bronce. Gold für R0 80! Bei der Übergabe der Trophäe hat mir der Veranstalter dann erzählt, dass es ihn sehr gefreut hat, dass wir mit dem Ro gekommen sind. Hintenrum hätten einige Teilnehmer getratscht, dass es der Wagen sowieso nicht bis zum Ziel schaffen würde. Tja, diese Zyniker sind wohl eines Besseren Belehrt worden!So, Alpenbrevet 2023 geschafft, auf nach Hause. Ähm Moment mal: Da sind jetzt aber schon wieder ein paar hohe Berge im Weg! Und so sind wir als Epilog den Grimselpass (2165 m.ü.M) hinunter und über den Furkapass (2436 m.ü.M), sowie den Oberalppass (2046 m.ü.M) nach Hause gefahren. Es waren am Schluss gut 1000km die wir in 24h mit dem NSU Ro 80 gefahren sind. Ein wahrlich grandioser Wagen! Ich habe schon einige Male an dieser Veranstaltung teilgenommen, bin aber noch nie so entspannt am Ziel angekommen. Das Penrite Alpenbrevet ist wie eine Droge – wer es einmal gefahren ist, der will immer wieder teilnehmen. Es könnte gut sein, dass wir 2024 wieder auf NSU RO 80 teilnehmen.
Text und Fotos: Dario Tommasini
