oder Col de l'Iseran oder nicht
Auch bei der 22. Auflage – des mittlerweilen häufig kopierten Alpenbrevets – bewies das Organisationskomitee Einfallsreichtum und dass es mit dem eigentlich einfach gestrickten Konzept: 1. Ein Vollmondfreitag, 2. Mindestens 12 Pässe, 3. Mindestens 800km fahren und 4. Gemeinsames Abschlussfrühstück, doch immer wieder überraschen kann. Das Motto dieses Jahr: Du Jura au Valais. Grübe man weiter im Konzept, hätte man aber eine Hommage an den legendären Philipp Young erkennen können. Philipp, der in den 90er Jahren mit dem Classic Marathon und der Monte Challenge den klassischen Rallysport wieder belebte. Auch organisierte er das erste Revival der Peking to Paris Rally mit seiner damaligen Firma Classic Rally Association (CRA).
Am Freitag, dem 21. Juni – der kürzesten Nacht – trafen wir uns ob Ste. Croix in der Skihütte Les Avattes, wo jedes Team einen speziell zubereiteten Camembert zum Teilen bekam. Der Fächer an auserlesenen Teilnehmerfahrzeugen hätte nicht breiter sein können. Vom frisch erstandenen Jaguar F-Type Anniversary (nur bei Jaguar gilt die Alterbeschränkung von 25 Jahren nicht), über einen RO80, einen MG ADO16, gleich zwei Dönni Specials, Volvos in Form von 544, 212 und E, Mustang Mach1, ein filigraner Ghibli 2, ein 928er, ein alter Kadett Rally um nur einige wenige zu nennen. Ausnahmsweise war der Prolog (bis zum Mitternachtsessen) auf die Driversapp getrackt worden um der schwierigen Navigation etwas die Schärfe zu nehmen. Als kleine Überraschung hatte ein lieber Heinzelmann auch den Teil nach dem Essen elektronisch auf die App übertragen, was vor allem den ersten Streckenteil nach dem Mitternachtsessen erleichterte. Ein grosses Danke an unseren Heinzelmann im Hintergrund.
Nach dem Start turnte man erst auf der südlichsten Jurafaltung hin und her um dann in den Juraausläufer Bugey einzutauchen. Das Bugey-Massiv ist bei Rallyfahrern nicht nur legendär, sondern auch gefürchtet wegen der schmalen, teils sehr kurvigen und verwirrlich vielen Strässchen. Gerade während der Rekognosizierungsfahrt liefen die Vorbereitungen zur Rally „Jura et Ain“. Deren Reifenspuren auch einen Monat später noch gut sichtbar waren. Die Wetterprognosen waren bestenfalls wechselhaft bis schlimmer. Doch war uns Petrus gut gesonnen, bis auf dass fast jeder – aber merkwürdigerweise nicht jeder Teilnehmer – eine extrem Gewitterzelle zu meistern hatte mit Sichtweiten unter 30 Meter. Die Schäden an Natur und Strasse waren danach gut sichtbar.
Zum Mitternachtsessen trafen die ersten 8 Wagen fast gleichzeitig, ziemlich genau eine Stunde zu früh nach dem Col de la Biche in der Bergbeiz ein. Dies gerade rechtzeitig, denn kurz danach verschwand die grossartige Aussicht in einer dräuenden Gewitterwolke, deren folgender Niederschlag sich gewaschen hatte, so dass die Regentropfenmännchen ausgedehnt auf den Tischen des Gartenrestaurants tanzen konnten. Pünktlich um 22 Uhr trafen die zwei Volvos ein und bis 22.59 Uhr war auch der letzte Mohikaner bereit fürs Mitternachtsessen. Wer nach 23 Uhr weiter fuhr wunderte sich übers Wetter, denn man trat in eine sternenklare Nacht, dominiert vom hellen Mondesschein. Die so wärmstens empfohlene Brückenüberquerung bei Seyssel fiel einem Dorffest zum Opfer – eines von vielen in dieser Nacht übrigens. Erst heute erfuhren wir, dass das nationale Fête de la Musique stattfand. Wer in Aix les Bains The Driversapp folgte, verstand sofort warum die englische Rallygemeinde diese Ortschaft auch „Aches and Pains“ nennt. Für uns fiel die kürzeste Route durch die Stadt auch hier diesem Fest zum Opfer. Das scharfe Auge aber entdeckte ziemlich wild verteilt etwas Unglaubliches! Gerade diese Nacht machte scheinbar das Rally Peking to Paris hier seinen Nachtstopp, so wie es Philipp Young früher schon mit seiner Winterchallenge to Monte Carlo zu machen pflegte. Was für ein schöner Zufall, das Alpenbrevet, das dieses Jahr Philipps Routen im Bugey und der Umgebung von Aix gedachte, kreuzte die Route seines Flaggschiffsrallies Peking to Paris.
Jeder, der fest entschlossen den Einstieg in Aix zur Route gefunden hatte, war nun gespannt ob der folgende Pass Col de la Cluse oder Clusaz angeschrieben war. So einfach war das dann aber nicht, denn die meisten konnten das verlangte Foto der Tafel nicht beibringen, dafür war der Col de Plainpalais – im Vollen Namen: Col du Colonel de Plainpalais wirklich nur einige hundert Meter neben der Route gelegen. Nach intensiven vier, oder je nach dem wie man zählte, sechs Pässen ging es dann richtig in die Alpen, die Savoyeralpen. Nach dem Abzweiger der D1006 ins Tal des Arc südlich ums Massiv de la Vanoise bekamen wir Klarheit über die Route. Auf der grossen Anzeigetafel der geöffneten Pässe thronte zuoberst der Col de l'Iseran gefolgt von den gefürchteten roten Lämpchen die „fermé“ leuchteten. Also war es wahr. Obwohl er gemäss departementaler Verordnung am 2. Junifreitag freigefräst zu sein hatte, schneite es zu fest um ihn für den Durchgangsverkehr offen halten zu können. Dies zur grossen Enttäuschung der Teams um Dönni Senior und Rutishauser, die beide mit Schneereifen an der Start gegangen waren. Der Madeleine aber war eine valable Alternative mit seinem steilen Anstieg und flachen – well relativ – Abstieg. Fast die ganze Nacht wurden die Teilnehmer vom Mondesschein begleitet, ja die Route war sogar so gelegt, dass man je nach Fahrzeit stets dem Mond entgegen fuhr.
Das freundliche Wetter motivierte das Wild wieder aus ihren Verstecken und so wurde von Sichtungen von Füchsen mit ihren Jungen, Rehen, Dachs und sogar einem Hirsch berichtet. Ein selteneres Erlebnis aber hatte das RO80 Team, das an einem lauschigen Waldrand ein Päuseli machen wollte und dabei eine merkwürdig bedrohlich anschwellende Geräuschkulisse wahrnahm. Recht speditiv flüchteten die Zwei wieder ins Auto, denn es bestand der berechtigte Verdacht einer Wildschweinrotte mit Jungen zu nah gekommen zu sein.
Ab 8 Uhr begannen die ersten Teilnehmer im Hotel Bains de Saillon einzutreffen und genossen das Privileg ihren treuen ermatteten vierrädrigen Begleiter direkt vor dem Haupteingang aufstellen zu dürfen, um dem später eintreffenden Oenorally genügend Platz auf dem Hotel Parkplatz zu lassen. Die technischen Ausfälle waren mit 15% auf einem relativ hohen Niveau, dafür war das Zuspäteintreffen geringer als in früheren Jahren. Trotz relativ kleiner Teilnehmerzahl, oder gerade deswegen, waren alle Teilnehmer begeistert vom Anlass, obwohl die Route die wohl physischste je in der Geschichte des Alpenbrevets war. So viele schmale Strassen, so unterbruchslos Haarnadeln, Kurven und Kürvchen, zolllten ihr Tribut. Fast jeder Teilnehmer berichtete noch Stunden nach der Ankunft, dass der feste Boden sich bewege, man immer noch das Fahrgeräusch in den Ohren habe, man immer noch das Gefühl habe im fahrenden Wagen zu sitzen – kein Wunder bei 31 bezwungenen Pässen. Kurz: Ein gelungener Anlass fand sein Ende und nährte schon die Lust auf die 23. Ausgabe, die am 8. auf den 9. August 2025 im Grossraum Tyrol stattfinden wird. Ein interessanter Gedanke noch: Die Route war rund 850km lang, berechnet auf einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 49.9km/h ergab das 19 Stunden Fahrzeit. Wie die meisten Teilnehmer des 22. Alpenbrevet bewiesen: Machbar, auch mit „normal“ motorisierten Klassikern. Hätte dieser Anlass aber am Tage stattgefunden wäre schon eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 30km/h relativ ambitioniert gewesen. Man stelle sich dabei all die Wanderer, Velofahrer, landwirtschaftlicher Verkehr und Wohnmobile vor, ohne andere wohlverbreitete mobile Schikanen zu erwähnen. Dies ergäbe eine Fahrzeit von rund 29 Stunden. An einem normalen Oldtimerrally fährt man 7 Stunden pro Tag – wobei sich hier gewisse Navigatoren bereits lauthals beschweren dürften. Dies ergäbe ganze VIER Rallytage, ohne Eintreff/Fahrerbesprechungstag und Galaabend und Verabschiedung. Kurz, die Teilnehmer schafften in einer Nacht was ein reguläres Oldtimerrally in einer Woche schaffen würde – unglaublich, nicht? Unser Respekt gehört den alten Maschinen, tapferen Navigatoren und zähen Piloten.
