„The Story of a Solitaire“ wird neu geschrieben
Der Vorbesitzer Klaus-Peter Reichle initiierte ein Buch über den Wagen, welches den Eindruck erweckt, dass der spektakuläre SS vom berühmten Pariser Carrossier Saoutchik umcarrossiert worden ist. Unter den Cognoscenti aber herrschte stets Unklarheit, wer den Wagen tatsächlich abgeändert hatte. 1987 stand in der Zeitschrift Motorklassik geschrieben, dass die Herkunft der Sondercarrosserie unbekannt sei. Das Glück wollte es, dass genau dieser Jaguar seinen Weg in unsere Werkstatt fand. Wie immer vor grösseren Arbeiten versuchen wir Licht in die Geschichte der jeweiligen Wagen zu bringen. Im Buch, das wir nota bene vor 12 Jahren vom Vorbesitzer mit persönlicher Widmung geschenkt bekamen, gibt es eine Vielzahl von historischen Hinweisen wie Fotos des Erstbesitzers, einen Tagebuchauszug aus dem Leben des Erstbesitzers, Fotos vom Auto in verschiedenen Lebenslagen, eine Liste der Besitzer und viele höchst aufschlussreiche andere Fakten. Anlässlich unserer ersten Recherche stellten wir aber fest, dass doch einige Halbwahrheiten mit inkorrekten Folgerungen geschrieben worden waren.
Klar war, dass der Wagen von SS Cars Ltd. an Polchem geliefert worden ist. Der Wagen verliess das Werk in Foleshill bei Coventry am 2. Mai 1939. Merkwürdigerweise steht in der Geburtsurkunde von SS Cars Ltd. geschrieben, dass der Wagen am 12. August 1938 fertig gestellt worden sei. Warum soll dieser Wagen fast ein Jahr auf Halde gestanden sein, nach dem William Lyons eigentlich nur auf Auftrag Autos baute. Eine der vielen noch zu lösenden Fragen. Am 3. Juli 1939 gratuliert der Präsident des Automobilklub Polski dem Grafen Alexander v. Hochberg mit folgenden Worten: „ Ich freue mich, dass Du den Mut hattest ein Englisches Auto zu kaufen. Das ist ja in der heutigen Zeit nicht so selbstverständlich“.
Am 5. September 1939 beschreibt Alexander von Hochberg in seinem Tagebuch wie er den Kriegsausbruch erlebt und im Jaguar südlich aus Polen flieht. Zitat: „Nachts um 2 Uhr mit Ena im Jaguar… in eine sehr unsichere Zukunft gefahren“. Bereits hier schleicht sich ein Widerspruch im Buch des Vorbesitzers ein. Alexander v. Hochberg schreibt wie er mit Ena flieht, im Buch vom Vorbesitzer hingegen ist von Hochberg mit Ileana von Rumänien abgebildet. Das Foto von Ileana ist mit 30. Januar 1930 datiert. Die Flucht findet aber 9 Jahre später statt. Wir wissen heute sehr gut, dass die Beziehung von Prinzessin Ileana mit „Lexel“ von Hochberg nicht gerne gesehen war. Die von Hochbergs gehörten zwar zu den reichsten Adelshäusern Europas, sie gehörten aber nicht zum Hochadel. Als dann dem rumänischen Parlament vom ausschweifenden homosexuellen Leben des möglichen künftigen Königsgatten in Paris berichtet wurde, wurde die Beziehung per Dekret eingestellt. Ein Skandal, von dem europaweit genüsslich berichtet wurde.
Ena, mit der er floh, war seine britische Cousine, eine FitzPatrick. Dies war eine Beziehung, die ihr ganzes Leben lang andauern sollte. Auch Ena (Edwina) war adligen Ursprungs und erfüllte die Adelsprobe mit vier Vierteln. Alexander von Hochberg verbrachte den Krieg in England mit Geheimdienstaufgaben, da er wegen seiner Mutter (Daisy von Pless, geb. Cornwallis-West war die erste High Society Lady des europäischen Hochadels und galt als eine der schönsten Frauen dieser Zeit) und seinem Geburtsort den britischen Pass besass. Im Gegensatz zu seinem Bruder, der in Ermangelung des begehrten Dokumentes in englischer Kriegsgefangenschaft verbrachte.
Gemäss der Biografie von L.J. Ludovici über Ena FitzPatrick brachten Ena und Lexel den SS100 während dem Krieg in eine sichere Garage in Marvejols. 1947 kehrten sie mit mulmigem Gefühl zurück nach Marvejols, nicht wissend ob ihr geliebter SS 100 noch unversehrt in der Garage stand. Mit Freude notierte Ena, dass sogar das Schokoladepapier noch in der Seitentasche steckte, das sie nach der Flucht liegen gelassen hätte.
Das Buch vom Vorbesitzer über den Wagen beschreibt, dass der Wagen noch vor Kriegsausbruch von Saoutchik umcarrossiert worden sei. Dies ist eher unwahrscheinlich, dass ein plötzlich verarmter Adliger, der vor dem Kriege in eine unsichere Zukunft fliehen musste, sich in dieser turbulenten Zeit seinen brandneuen Wagen umbauen lässt.
In der Biorgraphie „The three of us“ wird beschrieben wie Ena, die Schweizer Freundin Margrit Willi und Alexander von Hochberg mit ihren Wagen Europa bereisten. Südfrankreich wurde zum Lebensmittelpunkt der Drei. Einige Zeit verbrachte das Dreiergespann in Walchwil und Arosa. Später liess sich Alexander Reichsgraf von Hochberg, Fürst zu Pless und Freiherr zu Fürstenstein (gemäss Adelsverzeichnis Gotha Band 22) in Pollensa, Mallorca nieder.
Alexander von Hochberg hielt sich viel in Frankfurt auf und versuchte so das verlorene Familienvermögen vom deutschen Staat zurück zu erlangen. Während dieser Aufenthalte traf er auf den aufgeweckten Jungen Max Heelein, zu dem sich eine intensive und dauerhafte Beziehung anbahnte, die in der Adoption von Max gipfelte.
Im Sommer 1952 nahmen Ena und Alexander an einem leider nirgends genauer definierten Concours d’Elégance teil, wo der Jaguar für Ena einen Preis gewann. Diese Aussage in der Biografie kann als Indiz interpretiert werden, dass die Carrosserie zu diesem Zeitpunkt verändert worden war, da es kaum denkbar ist, dass eine zwar extrem schöne aber eher konservative SS 100 Werkscarrosserie unter den ausladenden baroken Carrosserien der späten Vorkriegs- und früher Nachkriegszeit noch einen Blumentopf gewonnen hätte.
Wir wissen aus den Forschungen des heutigen Besitzers dieses höchst interessanten SS Jaguar 100, dass man Mitte bis Ende der 50er Jahre in Frankfurt den jungen Max Heelein mit viel Lärm und hoher Geschwindigkeit durch die Stadt fahren sah. Auf einem Foto in den späten 50er Jahren sehen wir den SS100 mit Frankfurter Zollnummern. Wir haben Hinweise, dass der Wagen zuvor Englische Nummern getragen hatte. Es hätten aber auch mallorquinische sein können, da wir in einer Korrespondenz von schwarzen Nummern mit weisser Schrift lesen konnten und sich von Hochberg später auf Mallorca nieder liess.
Wir können anhand obiger Fakten annehmen, dass der Wagen ca. 1951 umcarrossiert worden ist.
In den 60er Jahren schaffte es der Frankfurter Kürschner Helmut Feilitsch den Wagen von Hochberg in Spanien zu erwerben und fuhr ihn auf Achse nach Frankfurt. Dies war aber der letzte Einsatz der ehemals grossen Schönheit für eine lange Zeit. Entweder hatte Feilitsch zu wenig Geld, oder die Firma, die den Wagen zur Aufbereitung bekam, zu wenig Mut die Instandstellung in die Hand zu nehmen. 1983 wechselte er die Hand und ein Friedrich Philipps wurde stolzer Besitzer der welken Ikone. Er liess ihn aufmöbeln und türkis metallic lackieren. Dieser Farbton und vielleicht auch die ausgeführten Arbeiten waren dann aber nicht das Gelbe vom Ei und so wurden zum zweiten Male Arbeiten in Angriff genommen. Nun wurde das Chassis verzinkt und der Wagen rot lackiert. Erst 1986 kam der gebeutelte Wagen zur Ruhe. Er fand seinen neuen Meister mit Klaus-Peter Reichle. In seinen Händen nahm der SS an Anlässen quer durch Europa teil und liess ihm auch die entsprechende Liebe zukommen, die ein Wagen dieses Kalibers benötigte und veröffentlichte ein Buch über dieses Unikat. Erst nach 30 Jahren verkaufte er den Wagen, der dann in die Hände des heutigen Besitzers Jürgen Strasser gelangte.
Vom Erstbesitzer, Alexander Count Hochberg haben wir ein notariell beglaubigtes Schreiben vom 27.4.1979, wo er bestätigt, dass er Helmuth Feilitsch alle Papier seines, „…. SS 100 Oldtimer Sportwagen mit Saoutchik Stromlinien-Aluminium Karosserie, Baujahr 1938…“ übergeben habe. Der Wagen ist aber aus Stahlblech, der Stil entspricht nicht Saoutchik und die Machart ist nicht im gewohnten Saouchik-Stil.
Seit wir mit den Restaurationsarbeiten begonnen haben, konnten wir feststellen, dass der Wagen unzweifelhaft Matching Number 39107 ist, der in drei verschiedenen Biografien erscheint. Er befindet sich nach 80 Jahren erst in fünfter Hand. Ein grosser Teil der Materie der Spezialcarrosserie ist immer noch vorhanden.
Wir stellten aber auch fest, dass die Blecharbeiten teilweise ziemlich rudimentär gemacht worden sind. Das Formen der Bleche für die Flügel und die markante Bügelfalte auf den Flügeln ist sehr gut gemacht, aber die Symmetrie und die Flucht der Sicken ist eher bescheiden. Die Schweissnähte sind erstklassig ausgeführt, hingegen sind die Kotflügel aus vielen, teilweise unnötig kleinen Stücken zusammengeschweisst. Die Tragstruktur des Hecks muss scheinbar teilweise erneuert worden sein. Was wir aber entdecken durften ist, dass über die noch original lackierte Aussenhaut das ausladende Heckblech geformt worden ist und wir daher höchst seltenen gunmetal Originallack entdecken konnten.
Der Zustand der Carrosseriebleche ist so schwer beeinträchtigt, dass sie leider nicht mehr restauriert werden können. Auch die teilweise dürftige Machart verhindert dies leider. Daher haben wir die Carrosserie 3D gescannt und nun eine Holzform für die Blechherstellung erstellen lassen, so dass der Wagen in der Form auferstehen wird, wie ihn Lexel von Hochberg sich erträumte.
Die zwei grossen Fragen bleiben: Wer genau hat diesen SS100 mit einem neuen Blechkleid versehen und gibt es noch Zeitzeugen aus den 50er, 60er und 70er Jahre, die sich an dieses Auto erinnern können? Vielleicht kommt mit der Zeit noch Rat.
- Matching-Number-Chassis 39107, ab Werk ausgeliefert am 2. Mai 1939 an den polnischen Grafen Alexander von Hochberg
- Umfangreich recherchierte Provenienz über fünf Besitzer (u.a. Klaus-Peter Reichle, heute Jürgen Strasser)
- Sonderkarosserie stark beeinträchtigt — Carrosserie wurde 3D gescannt, Holzform für originalgetreue Blechfertigung in Arbeit


















































































